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B.Z./ 02. August 2012: Auf der Suche nach dem FDP-Wähler

Der Tag fing gut an für die FDP. Erstmals seit sechs Wochen kommt sie bei Forsa wieder auf fünf Prozent. Und es ist Bombenwetter. Das ist heute wichtig, zumindest für die Berliner Bundestagsabgeordneten Lars Lindemann (41) und Holger Krestel (56).

Sie wollen am Kudamm für die Liberalen werben. “Deutschlandtour”.

Holger Krestel, MdB, Bild: Volker Neef
Holger Krestel, MdB, Bild: Volker Neef

Heute sind die Berliner dran, mit den Bürgern “in Kontakt zu treten”. Aber wollen die das auch? Ein agiler Rentner tritt an Lindemann heran. “Wie lange gibt es euch noch?”, fragt er und sucht in den Gesichtern der Umstehenden nach Beifall für so viel Keckheit, die sein Gegenüber natürlich vorbereitet trifft. Praxisgebühr, Niebels Teppich, Röttgens Schicksal: Es geht Kraut und Rüben. Beim Thema Rente mahnt Lindemann, dass jede Erhöhung aus Steuern bezahlt werden muss. Aber der Rentner ist nicht leidenschaftlich, er sieht die Diskussion sportlich. Bloß, dass Merkel und Lindemann mal in der FDJ waren, findet er nicht gut.

(v.li.)Lars Lindemann, MdB, Holger Krestel, MdB, Dr. Christoph Dietrich
(v.li.)Lars Lindemann, MdB, Holger Krestel, MdB, Dr. Christoph Dietrich

Immer wieder bleiben Passanten stehen, in respektvoller Distanz, als linsten sie über die Klippe eines Abgrunds. Bloß keine Ansprache riskieren! Andere schlendern scheinbar absichtslos um den Stand, möchten gern Kontakt. Das hier ist nicht Politik, das ist Psychologie.

Lindemann (Boss-Jeans, gestreiftes Hemd) weiß das. Er gehört zu den wenigen, die im Bundestag gegen den Euro-Rettungsschirm gestimmt haben. Damit könnte er vielleicht punkten. Aber über die großen Themen – den Euro, Parteichef Rösler, die Schulden – will jetzt keiner reden. Stattdessen über kaufmännischen Anstand (ein Subunternehmer aus der Baubranche), Religionsunterricht (eine Lehramtsstudentin) oder über den eigenen Großvater, der in der LDPD war, der liberalen Blockpartei in der DDR.

Holher Krestel im Gespräch, Bild: Volker Neef
Holher Krestel im Gespräch, Bild: Volker Neef

Für die Bürgerin Birgitt Bursian de Alvaro ist Freiheit “das wichtigste Thema”. Aber es geht nicht um Bürgerrechte, um Wirtschaftsliberalismus schon gar nicht. Die 62-Jährige sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl, will dennoch “unabhängig” leben. Mit Lindemann spricht sie über Prävention und Pflege: “Alles, was die Inanspruchnahme vermeidet, ist gut.” Viele Leute verstehen, dass die alternde Gesellschaft die Sozialsysteme an ihre Grenzen führt.

 Lindemann holt jeden ab (“ich bin auch evangelisch”, “ich habe auch eine Tochter, die …”). Aber er biedert sich nicht an. Seine Gesprächspartner finden das gut. Wer die FDP nicht mag, scheint sich mit ihr nicht aufzuhalten. Von regem Interesse kann ohnehin keine Rede sein. Gerade einmal vier längere Kontakte – so Lindemanns Bilanz zwischen 11 und 12 Uhr. Und die vier Mädchen aus Würzburg, die gern ein paar Give-aways mitnehmen. Eine von ihnen, Aline Mömken (19), ist bei den Jungen Liberalen, wegen “Freiheit und Eigenverantwortung”. Für die FDP ist das ein guter Moment. Es könnten mehr sein.